Nach Lulas Sieg: Brasilien vor Bolsonaro-Anfechtung und feindlichem Kongress
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat in der Stichwahl am Sonntag eine historische vierte Amtszeit gewonnen, doch sein Rivale Flávio Bolsonaro kündigt an, die Wahl vor Gericht anzufechten, und Lula stehen vier schwierige Jahre mit einem rechten Kongress bevor, berichtet die Deutsche Welle. Zum Ergebnis selbst siehe unseren früheren Bericht Lula gewinnt Stichwahl und vierte Amtszeit als Präsident Brasiliens.
Der 80-jährige Lula lag 3,5 Prozentpunkte vor Bolsonaro (51,8 % zu 48,2 % laut Oberstem Wahlgericht), der die erste Runde Anfang Oktober gewonnen hatte – eine Wende ohne Beispiel. In der ersten Runde hatte Lula etwa 45 % gegenüber Bolsonaros rund 47 % erzielt.
Warum Bolsonaro seine Niederlage nicht eingesteht
„Es ist mir unmöglich, diese Wahl anzuerkennen“, sagte Bolsonaro am Sonntagabend und kündigte an, ihre Annullierung zu beantragen. Er beklagt die kurzfristige Entscheidung des Obersten Richters Cristiano Zanin, die Wahllokale zwei Stunden länger offen zu halten – bis 19:00 Uhr statt bis 17:00 Uhr. Die Anordnung erreichte viele Wahllokale erst, nachdem die Auszählung bereits begonnen hatte, und Zeugen beschrieben Chaos.
Die DW merkt an, dass Bolsonaro nicht erwähnte, dass auch er selbst am Sonntagnachmittag um eine Verlängerung gebeten hatte, weil starker Regen im Süden und Südosten, wo er traditionell stark ist, die Stimmabgabe behindert hatte. Lula begründete eine Verlängerung damit, dass mit Bolsonaro verbündete Bürgermeister den öffentlichen Nahverkehr sabotiert hätten, hauptsächlich in São Paulo und Salvador, sodass viele Wähler die Wahllokale nicht erreichen konnten. Der Präsident des Wahlgerichts, Kassio Nunes Marques, der die Verlängerungsanträge unbeantwortet gelassen hatte, sagte spät am Sonntag, die Wahl sei trotz der Verlängerung ordnungsgemäß durchgeführt worden – was, so Experten, Bolsonaros Argumentation für eine Annullierung schwächt.
Ein Kongress, mit dem Lula kaum regieren kann
Die Rechte hat ihre Position bei den Parlamentswahlen vor drei Wochen gestärkt: Bolsonaros Liberale Partei hält 121 der 513 Sitze im Unterhaus und 28 der 81 im Senat. Den Parteien des Bolsonaro-Lagers fehlt nur wenig zur Mehrheit, die für ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Obersten Richter Alexandre de Moraes nötig ist, der Flávios Vater Jair Bolsonaro wegen des Putschversuchs zu 27 Jahren verurteilt hat. Lula müsste Abgeordnete aus der Opposition abwerben, denn die rechte Mehrheit könnte auch die Verfassung ändern, seine Vetos überstimmen und sogar versuchen, ihn des Amtes zu entheben; die DW sagt, er laufe Gefahr, eine „lahme Ente“ zu werden.
In seiner Siegesrede sagte Lula, digitale Kommunikation werde in seiner Regierung einen großen Platz einnehmen, damit „das Volk stärker an unseren Entscheidungen teilnimmt“. Zudem warnte er, dass „Banditen ins Gefängnis kommen“, und nannte Bolsonaro einen „Vertreter der Milizen“. Lulas Lager fordert rechtliche Konsequenzen für die Bürgermeister, die den öffentlichen Nahverkehr sabotiert haben, und ein Gericht hat bereits die Festnahme des Mobilitätssekretärs von Salvador angeordnet.
Unklar ist, ob Millionen Bolsonaro-Anhänger das Ergebnis akzeptieren werden; befürchtet werden Straßenblockaden und Unruhen, wie nach Lulas Sieg über Jair Bolsonaro vor vier Jahren. Mehr dazu in unserer Rubrik Welt.
