Die syrische Hauptstadt Damaskus steht vor einem drastischen kulturellen Einschnitt: Die Behörden haben den Verkauf und Ausschank von Alkohol in weiten Teilen der Metropole untersagt. Bars und Restaurants, in denen jahrzehntelang alkoholische Getränke serviert wurden, müssen den Ausschank ab sofort einstellen. Alkoholika dürfen nur noch in verschlossenen Flaschen zum Mitnehmen und fast ausschließlich in wenigen, christlich geprägten Vierteln verkauft werden.
Während Alkoholverbote im Nahen Osten aufgrund islamischer Vorschriften keine Seltenheit sind, bildete Damaskus historisch gesehen eine Ausnahme. Das Assad-Regime stellte über Jahre hinweg säkulare Prinzipien über strenge religiöse Normen, duldete gesellschaftliche Vielfalt und ließ der Gastronomie weitreichende Freiheiten. Die plötzliche Durchsetzung dieser restriktiven Regeln lässt viele Einwohner an der künftigen Ausrichtung der Stadt zweifeln.
„Die Nachricht war überraschend und beunruhigend zugleich“, erklärte die Medienproduzentin Angela Alsahwi. Damaskus habe stets für Offenheit gestanden. Es gehe nun „nicht nur um das Getränk selbst, sondern um die Wahlfreiheit“ – und damit um die grundlegende Identität der Stadt.
Kritiker warnen, dass die Beschränkung des Alkoholverkaufs auf christliche Viertel die Gefahr birgt, sektiererische Gräben zu vertiefen, indem soziale Unterschiede politisch markiert werden. Die Aktivistin Roba Hanna kritisierte den Schritt: „Diejenigen, die diese Entscheidung getroffen haben, verstehen das soziale Gefüge Syriens nicht. Nicht alle Christen trinken Alkohol. Zugleich gibt es Muslime, die das durchaus tun.“ Hanna argumentierte, die Gleichsetzung von Alkoholkonsum mit einem Verstoß gegen die öffentliche Moral stigmatisiere ganze Bevölkerungsgruppen.
Auch die christliche Sozialministerin Hind Kabawat meldete sich zu Wort und betonte, christliche Viertel seien „keine Orte für Alkohol“, sondern vielmehr das „Herz von Damaskus“. Ihre Äußerungen spiegeln einen heiklen Balanceakt wider: Einerseits die Distanzierung vom Stigma des Alkohols, andererseits die Bekräftigung der festen Zugehörigkeit zur syrischen Gesellschaft.
Neben den sozialen Folgen bedroht das Verbot auch die ohnehin fragile Wirtschaft. Nach jahrelangem Krieg leben rund 90 Prozent der Syrer unterhalb der Armutsgrenze. Die Schließung vieler Ausgehlokale dürfte zahlreiche Arbeitsplätze kosten und den angeschlagenen Tourismus weiter schwächen. Für viele Bürger, die in extremer Armut leben, ist diese Debatte jedoch zweitrangig angesichts des täglichen Kampfes ums Überleben.
Die Behörden rechtfertigen das Verbot mit Beschwerden von Anwohnern. In konservativen Kreisen stieß die Entscheidung auf Zustimmung. „Wir sind ein Land mit muslimischer Mehrheit“, schrieb ein Nutzer in den sozialen Medien und argumentierte, Alkohol gehöre nicht in den öffentlichen Raum; das Verbot schütze die Kinder vor westlichen Einflüssen.
Beobachter weisen darauf hin, dass das Alkoholverbot kein Einzelfall ist. In den vergangenen Monaten haben lokale Behörden mehrere Maßnahmen zur Durchsetzung der „öffentlichen Moral“ eingeführt. Dazu gehören Empfehlungen für angemessene Badebekleidung, Einschränkungen für gemischtgeschlechtliche Gruppen in Restaurants und ein umstrittenes Make-up-Verbot für Beamtinnen in der Küstenstadt Latakia.
Diese kommunalen Erlasse verdeutlichen eine wachsende Spannung mit der Zentralregierung, die zuvor zugesichert hatte, persönliche Freiheiten zu respektieren. Wie ein Kommentator anmerkte, mag eine einzelne Maßnahme für sich genommen trivial erscheinen – in ihrer Gesamtheit signalisieren sie jedoch eine tiefgreifende Debatte über Regierungsführung, Werte und die künftige Trennung von Religion und Staat in Syrien.
Wir verwenden Cookies, um Ihre Erfahrung zu verbessern. Datenschutzrichtlinie