Wenn die ersten warmen Sonnenstrahlen den Winter vertreiben, klagen viele Menschen über ein altbekanntes Phänomen: die Frühjahrsmüdigkeit. Eine groß angelegte Studie aus der Schweiz hat diesen weit verbreiteten Glauben nun jedoch widerlegt und zeigt, dass die saisonale Erschöpfung eher ein kultureller Mythos als eine biologische Tatsache ist.
Forschende der Universität Basel, der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und der Universitätsklinik Bern sind zu einem überraschenden Ergebnis gekommen. "Wir fanden, dass Menschen im Frühling nicht messbar müder oder erschöpfter sind als in irgendeiner anderen Jahreszeit", erklärte Studienleiterin Christine Blume, Psychologin und Schlafforscherin am Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel.
Auf die Idee zur Studie kam Blume durch regelmäßige Medienanfragen, die sie jedes Frühjahr erreichten. Um die Existenz des Phänomens zu überprüfen, befragte das Team ab Juli 2024 ein Jahr lang 418 Teilnehmende. Alle sechs Wochen gaben diese Auskunft über ihre Erschöpfung in den vergangenen vier Wochen, ihre Tagesschläfrigkeit und ihre Schlafqualität. Obwohl zu Beginn der Studie rund die Hälfte der Probanden angab, unter Frühjahrsmüdigkeit zu leiden, spiegelte sich dies in den empirischen Daten der Energielevel in keiner Weise wider.
Lange Zeit kursierten Theorien, wonach wärmere Temperaturen die Blutgefäße weiten und den Blutdruck senken würden, oder dass ein winterlicher "Melatoninüberschuss" abgebaut werden müsse. Blume hält dies aus chronobiologischer Sicht für unplausibel. Melatonin werde kontinuierlich im 24-Stunden-Rhythmus gebildet und abgebaut – einen saisonalen Überschuss gebe es schlichtweg nicht.
"Wenn Frühjahrsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa weil sich der Körper anpassen muss", so Blume. Doch weder die sich verändernde Tageslänge noch die einzelnen Monate hatten einen messbaren Einfluss auf die gefühlte Erschöpfung. Auch Pollenallergien, Heuschnupfen oder die Einnahme von Antihistaminika konnten als Ursachen ausgeschlossen werden.
Wenn nicht die Biologie verantwortlich ist, warum fühlen sich dann so viele Menschen im Frühling ausgelaugt? Das Forschungsteam sieht die Ursache in der Psychologie und Kultur. "Unsere Interpretation ist, dass es sich viel eher um ein kulturelles Phänomen handelt als um einen tatsächlichen saisonalen Effekt", lautet das Fazit.
Allein die Existenz des Begriffs "Frühjahrsmüdigkeit" präge die Wahrnehmung und biete den Menschen eine bequeme Erklärung für ihre Symptome. Zudem spiele kognitive Dissonanz eine Rolle: Wenn die Sonne scheint, steigt die gesellschaftliche Erwartung, aktiv und voller Energie zu sein. Fehlt diese Energie, fällt das Defizit umso stärker auf.
Interessanterweise lässt sich auch die oft zitierte "Wintermüdigkeit" wissenschaftlich nicht belegen, da sich das Schlafbedürfnis durch leicht veränderte Schlafdauern im Sommer und Winter ausgleicht. Die Wissenschaftler betonen jedoch, dass echte medizinische Diagnosen nicht mit diesen Mythen verwechselt werden dürfen:
Letztendlich mag der Übergang in den Frühling für einige psychologisch herausfordernd sein, doch die Wissenschaft zeigt: Unser Körper kommt mit dem Wechsel der Jahreszeiten genauso gut zurecht wie eh und je.
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