Nach einer Phase der strategischen Zurückhaltung hat die jemenitische Huthi-Miliz offiziell in den anhaltenden Krieg zwischen Israel und dem Iran eingegriffen. Am 27. März, exakt vier Wochen nach Beginn der US-israelischen Militärschläge gegen den Iran, meldete Israel einen Angriff durch die mit Teheran verbündete Gruppierung aus dem Jemen.
Nach eigenen Angaben feuerten die Huthi ballistische Raketen auf militärische Ziele im Süden Israels ab und drohten mit weiteren Attacken. Die israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) bestätigten den Abschuss einer Rakete aus dem Jemen und erklärten, die Luftabwehrsysteme hätten das Geschoss erfolgreich abgefangen.
Mit der Intervention betritt ein Akteur die Bühne, der lange gezögert hatte. Bis vor kurzem schien das Handeln der Huthi von bewusster Zurückhaltung geprägt zu sein. Der Zeitpunkt dieser Eskalation wirkt jedoch hochgradig kalkuliert. Jüngste Berichte deuten zudem darauf hin, dass die Miliz in der vergangenen Woche ein Frachtschiff im Arabischen Meer mit einer Hyperschallrakete angegriffen hat – eine Technologie, die sie bereits im Juni 2024 in der jemenitischen Wüste demonstriert hatte.
„Ich denke, die Situation ist in gewisser Weise unerwartet“, erklärte Luca Nevola, Senior Analyst für Jemen und die Golfregion beim Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED). Obwohl sich laut Nevola „kein unmittelbarer Kipppunkt erkennen lässt“, betonte er, dass es sich um eine strategische Entscheidung handele: „Es scheint, als habe man den Zeitpunkt für ein Eingreifen als günstig eingeschätzt.“
Nevola fügte hinzu, dass die verstärkten Aktivitäten im Roten Meer auch als Druckmittel in den laufenden regionalen Verhandlungen verstanden werden können. „Das Vorgehen kann dazu dienen, den eigenen Einfluss auf diese Verhandlungen zu demonstrieren“, erläuterte der Experte.
Die Offensive der Huthi eröffnet faktisch eine weitere Front in einem weitreichenden Konflikt, in den bereits der Iran, Israel sowie Milizen im Libanon und im Gazastreifen involviert sind. Sie unterstreicht die Logik der sogenannten „Achse des Widerstands“, die es Teheran ermöglicht, verbündete Gruppen einzusetzen, ohne selbst direkt und unmittelbar eskalieren zu müssen.
Trotz der dramatischen Wende bleibt die militärische Wirkung vorerst begrenzt. „Ich betrachte die aktuellen Angriffe eher als symbolische Warnung – gewissermaßen als Warnschuss“, so Nevola. Dies spiegele ein Muster wider, das bereits 2023 zu beobachten war: begrenzte, signalhafte Aktionen statt eines totalen Krieges. „Der Eintritt in den Krieg bedeutet nicht zwangsläufig eine unmittelbare Eskalation“, fuhr Nevola fort. Die Huthi agierten entlang klar definierter roter Linien – etwa wenn weitere Staaten aktiv eingreifen oder sich der Konflikt geografisch ausdehnt. Zudem sendete die Miliz ein bewusstes politisches Signal, indem sie betonte, dass keine muslimischen Länder angegriffen werden sollen.
Diplomatisch wird die Intervention von den Huthi als Unterstützung regionaler Partner und als notwendige Gegenmaßnahme gegen Israel und die USA inszeniert. „Dieses Narrativ dient auch dazu, innenpolitische Zustimmung zu sichern“, beobachtete Nevola. Die Führung in Sanaa dürfte bestrebt sein, ihre Position innerhalb des iranischen Bündnisses zu festigen, auch wenn unklar bleibt, wie belastbar die Unterstützung für einen umfassenden Krieg im eigenen Machtbereich tatsächlich ist.
Die wirtschaftlichen Konsequenzen zeichnen sich jedoch bereits ab. Nach der Ausweitung des Konflikts sind die Ölpreise stark gestiegen. Da die Straße von Hormus bereits beeinträchtigt ist, droht eine weitere Destabilisierung im Roten Meer und in der Meerenge Bab al-Mandab die globalen Handelsströme massiv zu stören. Solche Unterbrechungen könnten eine Kettenreaktion auslösen, die von steigenden Energiepreisen über gestörte Lieferketten bis hin zu einer höheren globalen Inflation reicht.
Die Huthi haben bereits bewiesen, dass sie erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten können. Während des Gaza-Krieges zwangen ihre wiederholten Angriffe auf Handelsschiffe große Reedereien dazu, den teuren Umweg über das Kap der Guten Hoffnung zu nehmen. Eine Rückkehr zu dieser Strategie gilt als das wahrscheinlichste Eskalationsszenario. Da die Miliz weite Teile des Nordjemen kontrolliert und über fortschrittliche Drohnen- und Raketentechnologie verfügt, gilt sie trotz jahrelanger Luftangriffe weiterhin als äußerst widerstandsfähig.
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