Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der USA, beschwerte sich im 18. Jahrhundert bitter über deutsche Einwanderer in Amerika — er warf ihnen vor, sich nicht zu integrieren, nur ihre eigene Sprache zu sprechen und die Einheimischen zahlenmäßig zu übertreffen. Ähnliche Formulierungen finden sich heute in Debatten über Zuwanderer nach Deutschland. Die Ironie könnte kaum schärfer sein: Deutschland, heute ein Hauptzielland der Migration, war einst selbst eines der größten Auswandererländer der Geschichte.
Bis 1820 wanderten nur rund 150.000 Deutsche nach Amerika aus. In den Jahrzehnten danach wuchs diese Zahl dramatisch, als Armut, politische Unterdrückung und fehlende Perspektiven Wellen von Deutschen über den Atlantik trieben. Migrationsforscher Jochen Oltmer von der Universität Osnabrück betont: Migration ist kein modernes Phänomen. Seit der anatomisch moderne Mensch vor 100.000 bis 120.000 Jahren Afrika verließ, gehört sie zur Geschichte der Menschheit.
Die Überfahrt war weder günstig noch sicher. Ein Platz auf einem Segelschiff kostete in etwa den Jahreslohn eines Handwerkers, so dass auswandernde Familien alles verkaufen mussten. Wer sich die Überfahrt nicht leisten konnte, wurde manchmal von Werbern angeworben — dem historischen Pendant heutiger Schlepper —, die Wohlstand versprachen und Kopfgeld je Person erhielten. An Bord der Schiffe lebten die Auswanderer dicht gepfercht unter Deck, geplagt von Ungeziefer, und ernährten sich von Schiffszwieback und gesalzenem Fleisch.
Deutschland hat inzwischen eine bemerkenswerte Verwandlung vollzogen. Die Debatten, die es heute über ausländische Neuzuwanderer führt — ob sie sich integrieren, ob sie das Land verändern werden —, spiegeln jene wider, die einst über Deutsche in ihren Aufnahmeländern geführt wurden. Das Kennen dieser Geschichte löst heutige Politikfragen nicht, setzt sie aber in einen Kontext, den viele Debattenteilnehmer lieber übersehen.
Wir verwenden Cookies, um Ihre Erfahrung zu verbessern. Datenschutzrichtlinie